
Was uns derzeit in Stundentakt an neuen, erschütternden Informationen bezüglich der abartigen Handlungen mehrerer Jugendlicher an Gleichaltrigen und jüngeren Kindern bei einer Ferienfreizeit auf der westfriesischen Insel Ameland erreicht, muss man erst einmal verpacken. Dabei sind die Details so dermaßen verstörend und unglaublich menschenverachtend, dass es auch den ganz Hartgesottenen unter uns schwer fallen dürfte, die Fassung zu bewahren. Müsste ich den betroffenen Kindern und Eltern gegenüber treten, mir würden schlicht die Worte fehlen.
Betrachtet man dann den Ablauf der Ermittlungen, so muss man direkt noch einmal ganz schwer an sich halten. So verhält es sich, unbestätigten Berichten in der Presse zufolge, so, dass zwei Beamten derzeit zur Sache nicht vernommen werden können, weil sie sich im Diensturlaub befinden. Da muss die Frage gestattet sein, warum so ein Umstand einen Hinderungsgrund darstellt. Wenn ich mal in Urlaub bin, dann muss ich für meine Kunden trotzdem in einem gewissen Umfang erreichbar sein. Und wenn der Dienstherr seine Beamten rufen will, dann sollte er doch auch eigentlich wissen, in welche Richtung. Oder etwa nicht? So bleibt es erst einmal die nächsten 14 Tage im Dunkeln, weshalb die beiden betreffenden Beamten zwar an den Ort des Geschehens gerufen wurden, dort aber überhaupt nichts feststellen und folglich auch keinen Eintrag in das System gemacht haben. Wäre hier nicht ein wenig mehr Misstrauen und kriminalistischer Spürsinn angeraten gewesen?
Und dann sind da noch die Betreuer der Gruppen auf Ameland. Die sollen zwar Kenntnis von dem mehrere Tage andauernden Martyrium gehabt haben, sind aber „offenbar“ überfordert gewesen. Sicher, so etwas ist kein einfacher Schabernack unter Jugendlichen und kratzt auch gewiss am eigenen Weltbild. Aber hier das Argument der Überforderung anzuführen geriert schon zu einer Beleidigung für die Opfer und Betroffenen. Was sollen denn die missbrauchten Kinder sagen, wenn man sie nach ihrem Befinden fragt? Und wofür reisen Betreuer mit, wenn sie sich im Krisenfall als überfordert betrachten? Sollte das das Maximum dessen sein, was man von Betreuern einer solchen Veranstaltung erwarten darf, so wirft man seine Kinder künftig wohl besser über dem Urwald ab und überlässt sie sich selbst und ihrem Schicksal. Dann weiß man wenigstens, warum etwas schief geht, wenn es schief geht.
Wann kommen alle in unserer Gesellschaft, Väter, Mütter, Tanten, Onkels, Brüder, Schwestern, Politiker, Jugendschützer, Singles und Familien, Lehrer, Geistliche und wer da sonst noch alles für die Geschicke unserer Gesellschaft zuständig ist, an den Punkt zu erkennen, dass wir handeln müssen. Der Schutz der Kinder und Jugendlichen kann und darf nicht so aussehen, dass wir sie in jeder Hinsicht unantastbar machen. Regeln und Konsequenzen müssen Hand in Hand mit Schutz und Fürsorge gehen. Keinem ist damit gedient, wenn wir Kinder und Jugendliche aufgrund falsch verstandener Behutsamkeit sich selbst überlassen und uns so aus ihrem Leben, ihrer Entwicklung verabschieden.
Es wird Zeit, dass unsere Gesellschaft wieder Werte wie Respekt, Zuverlässigkeit und Verantwortung lernt. Nur dann werden wir es auch denen glaubhaft vermitteln können, die auf unsere Hilfe angewiesen sind.
Werdet endlich wach!
Kreuzverhör
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